Leben in Köln

Gemeinsam klingt es immer gut: Kölner Mitsingkultur

Jürgen Schön · 19.05.2020

Singen im Weißen Holunder. Foto: © Bettina Bormann

Singen im Weißen Holunder. Foto: © Bettina Bormann

Früher sang man gemeinsam in der Kirche, heute auch in der Kneipe: bei Mitsingkonzerten von Bläck Fööss bis Frau Höpker

Januar 2020 – alle Tische sind besetzt, dicht gedrängt stehen die Gäste dazwischen. Das Brauhaus „Gaffel am Dom“ kocht: Wie jeden Freitagabend hat Björn Heuser zu seinem Mitsingkonzert eingeladen – und alle singen mit.
Zum 541. Mal tritt der 39-jährige Kölner hier mit seiner Gitarre auf – unplugged, versteht sich. Zum Auftakt gibt’s stets die Hymne „Loss mer singe“. Danach geht es anderthalb Stunden bis Mitternacht quer durch kölsches Liedgut – nicht nur Karnevalshits, sondern auch Lieder, die „Geschichten aus dem Alltag erzählen“. Von den Bläck Fööss oder Jupp Schmitz und Eigenes. Dank kostenloser Texthefte können alle alles mitsingen.

Etwas intimer ist es jeden Sonntag im „Weißen Holunder“, der dann „Singender Holunder“ heißt. Auch hier kocht die Luft – dabei sind kölsche Lieder eher die Ausnahme. Die Texthefte bieten vor allem „Weltmusik“ von wechselnden Künstlern. Besonders beliebt ist Irisches und Songs vom Balkan. Auf Lieder, „bei denen eine Lagerfeueratmosphäre entsteht“, setzt Organisator Jan Krauthäuser, der unter anderem auch das jährliche Edelweißpiraten-Festival veranstaltet.


Medientipp: Sehen Sie hier den Mitschnitt eines Mitsingkonzerts im weißen Holunder. Quelle: Youtube

 

Sie kommen von überall her

Im Publikum sind junge und alte Fans, auch aus dem Umland. Einmal im Monat kommen Petra (58) und Jupp (65) aus Mönchengladbach. Erstmals dabei auch ihr Sohn Juri (32) – er singt sofort ebenso begeistert mit wie seine Eltern. Auf dem Programm steht an diesemTag Bekanntes und Unbekanntes „zwischen Eros und Thanatos, Zigarren und Gitarren, Zigeunern und Bohemien“. Premiere für Annette Meisl, Komponistin und Sängerin aus Leidenschaft. Sie widmet sich auch mit eigenen Texten vor allem dem Thema Eros. „Toll, wie alle selbst Unbekanntes mitsingen“, schwärmt die Kölner Zigarrendreherin und Autorin des Buches „Fünf Männer für mich – ein SEXperiment“.

Björn Heuser und „Singender Holunder“ sind „Kinder“ des Vereins „Loss mer singe“. Dessen Gründer, der Kulturreferent des Domforums Georg Hinz und der Journalist Helmut Frangenberg, brachten vor genau zwanzig Jahren den Stein ins Rollen. Zuerst im privaten Rahmen, dann im legendären „Lapidarium“ am Eigelsteintor stellten sie die neuen Karnevalslieder der Session vor. Bis heute ein Schwerpunkt des Vereins-Programms. Neben der Förderung des Nachwuchses. Bläck Foß Hartmut Priess war Taufpate, deshalb steht die diesjährige Kneipentour im Zeichendes 50-jährigen Jubiläums dieser kölschen Gruppe. „Loss mer singe“ ist heute ein eingetragenes Markenzeichen, vor allem für Benefiz-Konzerte. Damit darf sich zum Beispiel auch Björn Heusers Weihnachtssingen im RheinEnergieStadion schmücken, zu dem 2019 fast 50.000 Zuschauer kamen.

Wer denkt, Mitsingkonzerte sind typisch allein für sangesgewohnte Kölner, irrt. Bester Gegenbeweis ist Katrin Höpker, die als Frau Höpker zum Gesang bittet und in neunzig Konzerten jährlich bundesweit Hallen füllt. Sogar in Bielefeld, Bremen und Hamburg.Natürlich auch in Bonn und Düsseldorf. In Köln lädt die Profisängerin und -pianistin etwa in eines der Bürgerhäuser und regelmäßig ins „Herbrand’s“ ein, wo die gruppenmusikalischen Wogen ebenfalls hochschlagen.


Das Liederheft gibt Textsicherheit. Foto: © Bettina Bormann

Vom Volkslied bis zum Schlager

Sie projiziert die Texte auf eineL einwand – da kann jeder mitsingen. Und sie hat für jeden Geschmack etwas dabei: Volkslieder, Schlager, Hits, Claire Waldoff ebenso wie Andreas Bourani – Altes und Neues, generationenübergreifend. „Jeder Mensch kann singen“, ist sich die Wahlkölnerin mit ihren Kölner Kollegen einig. Unwilligen Brummbären macht sie Mut: „In einer großen Gemeinschaft macht Singen einfach Freude und es klingt immer gut! “Einig ist sie sich auch mit der Wissenschaft: Singen weckt durch die Ausschüttung verschiedener Hormone Glücksgefühle. Das macht Mitsingkonzerte so anziehend in einer Zeit, die geprägt ist von zunehmendem Individualismus. In der singenden Gemeinschaftkann man sich einfach mal fallen lassen. Denn schon der Volksmund weiß: Wo man singt, da lass dich nieder, böse Menschen haben keine Lieder.

Im Gaffel singen an diesem Abend alle mit. Fast alle. Ein Ehepaar blättert etwas ratlos im Textheft – Deutsch können die zwei spanischen Touristen nicht. Vorsichtig ahmen sie die Schunkelbewegungen nach. Und gestehen in gebrochenem Englisch: So viel Begeisterung und Sangeslust hätten sie den Deutschen nicht zugetraut.

Wegen der aktuellen Corona-Situation ist es noch nicht klar, wann das gemeinschaftliche Singen in geschlossenen Räumen wieder erlaubt wird. Bitte informieren Sie sich auf folgenden Seiten:

Björn Heuser: „Kölsche Tön im Gaffel am Dom“
Webseite: www.heuser-koeln.de

„Der singende Holunder“
Weißer Holunder, Gladbacher Str. 48
Eintritt frei.
Webseite: www.weisser-holunder.de

„Loss mer singe“- Kneipentour
Mehr Informationen auf der Webseite: www.lossmersinge.de

Frau Höpker bittet zum Gesang:
Mi, 2.9., 19.30 Uhr Herbrand`s, Herbrandstraße 21
Fr, 21. 8, 19.30 Uhr  (Achtung! Termin wird evtl. auf den Freitag, 4.9.2020 verlegt) Open Air Mitsingkonzert  Bay Rheinauhafen
www.frauhoepker.de

 

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Medientipps:


Björn Heuser performt "Kölle singt" als Balkonversion. Quelle Youtube

 


Ein kleines Konzert zum Mitsingen von Frau Höpker. Quelle Youtube

Tags: Kölsche Lieder , Mitsingkonzerte

Kategorien: Leben in Köln