Leben in Köln

Besuchshunde: Spielend erinnern bei Demenz

Redaktion · 14.05.2020

Rufus zu Besuch. Foto: René Denzer

Rufus zu Besuch. Foto: René Denzer

Streicheln, bürsten, füttern – wenn Blue, Rufus und Co. zu Besuch kommen, öffnen sie Herzen. Lesen Sie mehr über den Hundebesuchsdienst in Köln.

Blue muss sich entscheiden: Folgt er dem Duft des leckeren Hundespecks oder dem Ruf von Petra Haack. Der Hütehund mit den blauen Augen ist hin- und hergerissen. Schlägt aber dann den Weg zu seinem Frauchen ein. Die richtige Entscheidung. Das gibt Lob von Hundetrainerin Karin Hampel. Doch das reicht nicht.

Es folgen weitere Übungen, bei denen das Zusammenspiel von Mensch und Tier beobachtet wird. Etwa wie der Australian Shepherd sich verhält, wenn er angeleint wird und seine Besitzerin sich entfernt. Hier wirkt der Vierbeiner etwas gestresst. Hampel gibt dazu Tipps und Hilfestellung. Später mimt die Hundetrainerin eine ältere Dame, die von Petra Haack und Blue begleitet über die Straße stolpert. Erschrickt das Tier vor den unkontrollierten Bewegungen? Nein, Blue bleibt gelassen. Ein Pluspunkt, den Hampel auf einem Notizblock vermerkt.


Sind ein gutes Team: Blue und Petra Haack werden nach bestandener Prüfung des Hundeführerscheins beim ehrenamtlichen Besuchsdienst mitmachen. Foto: René Denzer


Pure Verführung für Blue: Hundetrainerin Karin Hampel lockt mit Hundespeck. Da ist Besitzerin Petra Haack gefordert. Foto: René Denzer

Training für Mensch und Tier

Hampel bereitet außer Petra Haack und Blue noch weitere Damen und Herren mit ihren Vierbeinern in einem speziellen Qualifizierungskurs unter anderem auf den Hundeführerschein vor. Der ist für sie Voraussetzung, um an einem Projekt teilzunehmen: „4 Pfoten für Sie“, ein Hundebesuchsdienst für Menschen mit Demenz.

Das Projekt in der Trägerschaft der Alexianer Köln GmbH wurde von Sozialarbeiterin und Altenpflegerin Änne Türke entwickelt. Seit 2009 bringt der Hundebesuch Menschen mit Demenz in Köln und Umgebung Lebensfreude und Lebensqualität in den Alltag.


Und wie reagiert Blue auf unkontrollierte Bewegungen?
Hampels Trainingssituationen prüfen Hund und Mensch gleichermaßen. Foto: René Denzer

Trost und Wärme

Das Prinzip von Normalität steht dabei im Vordergrund. So gehen die Hundebesitzer mit den Betroffenen spazieren oder man verbringt einfach gemeinsam Zeit mit dem Tier. Denn die Aufmerksamkeit füreinander, aber auch das Streicheln, Bürsten, Spielen oder Füttern hat viele positive Effekte. So werden bei den an Demenz Erkrankten Erinnerungen angeregt, die Motorik wird unterstützt und die Sinneswahrnehmung gefördert. Außerdem spenden die Tiere Trost, vermitteln Wärme und geben auch Anlass zur Freude.

Gut dabei ist, dass die Vierbeiner unbefangen auf diese Menschen zugehen. „Die Ausdrucksweise von Tieren kommt der eher emotional geprägten Kommunikation von Menschen mit Demenz sehr entgegen“, so ÄnneTürke. Zwar spielt die Hunderasse dabei eigentlich keine Rolle, doch nicht jeder Mensch und jedes Tier sind für den Besuchsdienst geeignet. Deswegen gibt es im Vorfeld immer einen Eignungstest.


Auf dieser Nahaufnahme blickt der Hund Blue sehr eindringlich in die Kamera. Er beobachtet genau, was passiert. Foto: René Denzer

Der Charackter des Hundes

Türke dazu: „Wichtig ist für uns der menschenbezogene Charakter des Hundes, die Motivation des Besitzers und wie beide als Team miteinander funktionieren.“Orientiert sich der Hund an seinem Menschen? Kann dieser seinen Hund gut einschätzen? Ist ein alltagstauglicher Grundgehorsam vorhanden? Und weiter: „Diese Dinge werden von uns in Übungen eingeschätzt.“Oft mit dem Ergebnis, dass der Hundehalter mehr Unterricht braucht als das Tier. Deswegen werden beide in diesem Qualifizierungskurs vorbereitet.In Praxis und Theorie.

Dazu gehört auch, dass verschiedene Besuchsdienstsituationen in Rollenspielen geübt werden. Damit der Hund nicht etwa heruntergefallene Tabletten als Leckerchen verputzt. Und während das Tier unbefangen mit der Krankheit umgeht, tut dies der Mensch meist nicht. Daher wird den zukünftigen Besuchern auch Grundlagenwissen zum Krankheitsbild, zur Kommunikation und zum Umgang mit Menschen mit Demenz vermittelt.


Wenn Anna-Maria Dufraine mit Rufus bei Frau E. ist, dreht sich alles um ihn. Und um die alten Zeiten, als Frau E. noch selbst Hunde hatte. Foto: René Denzer

Leckerlis und gute Laune

Anna-Maria Dufraine hat diesen Kurs mit ihrem Rufus, einem Europäischen Schlittenhund, erfolgreich absolviert. Seit April 2019 besucht sie nun eine Dame im Bezirk Porz. „Ich war auf der Suche nach einem Ehrenamt, das den Hund mit einschließt“, sagt die 33-jährige Hundephysiotherapeutin über ihr Engagement. Anfangs habe sie sich Gedanken gemacht, ob Rufus dafür geeignet sei.

„Vom Grundsatz her ist er eher ängstlich.“

Aber er sei bei den Praxisübungen so gut an die Sache herangeführt worden, dass es keine Probleme gebe, erzählt Dufraine. Nach bestandener Prüfung des Hundeführerscheins sei sie dann an Frau E. vermittelt worden. Nach einem ersten Kontakt stand fest: Das passt. Seit dem besuchen sie und Rufus die Dame in der Regel einmal die Woche. „Das ist jedes Mal eine Wundertüte“, sagt Dufraine. Mal stehe Frau E. chic gekleidet schon an der Tür, mal sei sie noch im Morgenmantel, weil sie den Termin verschlafen habe.


Jörg Spencer beim Hundetraining Foto: René Denzer

Heute mal kein Keks

Heute aber hat Frau E. die Besucher an der Tür begrüßt und dann auf einem Sessel im Wohnzimmer Platz genommen. Es heißt zunächst, Rufus zu begrüßen. Liebevoll streichelt sie den Rüden, spricht nette Worte. Der übliche Hundekeks ist an diesem Tag allerdings tabu. „Er hat es mit dem Magen“, klärt Dufraine auf. Dafür hat sie Schonkost dabei, die Frau E. verfüttern kann. Während die Dame dem Tier vergnügt beim Naschen zuschaut, spricht sie über alte Zeiten. In denen haben Hunde eine große Rolle gespielt. „Rauhaardackel, nicht die aalglatten“, erzählt Frau E. lachend. „Die sind immer mit zur Jagd gekommen.“

 


Zur Begrüßung ein Leckerchen. Wenn Rufus bei Frau E.zu Besuch ist, gehört ihr seine ganze Aufmerksamkeit. Foto: René Denzer

Viel mehr als Erinnern

Anna-Maria Dufraine kennt die Geschichten, oft hat sie sie gehört. Wie das Weibchen auf dem Schoß von Frau E. Junge geboren hat und wie auch das eine oder andere Tier in ihren Armen gestorben ist. Manche Fakten variieren dabei. Aber ob das Tier nun acht oder 14 Jahre alt wurde, ist unerheblich.

Wichtig ist, dass Frau E. erzählt. Und Frau E. ist richtig in Plauderlaune. Viel dreht sich um Hunde, die früher ihr „Ein und Alles“ waren. Dabei zieht sie zwischendurch immer einen Vergleich zu Rufus. Der sei zwar so „ein Aalglatter“, aber „ein ganz Lieber“. Frau E. schenkt er Wärme, Geborgenheit und Freude. Und weckt eben die Erinnerungen. Frau E. ist noch im Anfangsstadium der Demenz. „Manchmal macht mein Gedächtnis einfach nicht mehr mit“, sagt sie. Der Name von Rufus’ Frauchen zum Beispiel, der ist ihr nicht immer präsent. Der von dem Hund dafür umso mehr.


Foto: René Denzer

Informationen für Hundebesitzer

Hundebesitzer, die sich und ihre Hunde für den Besuch bei an Demenz Erkrankten ausbilden lassen wollen, gehen folgendermaßen vor:

  1. Fragebogen ausfüllen
  2. Eignungstest mitmachen
  3. 40-stündigen Qualifizierungskurs absolvieren
  4. Prüfung zum Hundeführerschein ablegen

Von den Kosten für die Qualifizierung muss der Hundehalter einen Eigenanteil von 150 Euro leisten. Später erhält er pro Besuch 10 Euro. Hund und Mensch sind währenddessen unfall- und haftpflichtversichert. Zudem gibt es regelmäßige Reflexionsgespräche und Fortbildungsmöglichkeiten.

Info und Anmeldung:

„4 Pfoten für Sie“
Änne Türke
Tel. 02203 / 36 91-111 71
E-Mail: a.tuerke@alexianer.de

Informationen für Menschen mit Demenz

Der Besuch eines „4 Pfoten für Sie“-Teams kostet 20 Euro und dauert in der Regel ein bis zwei Stunden. Der Betrag kann von Pflegekassen zurückerstattet werden, wenn es einen Anspruch auf zusätzliche Betreuungsleistungen gibt.

Weitere Informationen:

Änne Türke
Tel. 02203 / 36 91-111 71
E-Mail: a.tuerke@alexianer.de

Medientipp


"4 Pfoten für Sie" in einem Video vorgestellt - besonders interessant für Hundebesitzer.
Quelle: Youtube

 


Besuchshunde gibt es deutschlandweit. Hier ein Video von einem Seniorenzentrum in Oberndorf.
Quelle: Youtube

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Tags: Hund bei Demenzerkrankung , Hundebesuchsdienst in Köln

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