Leben in Köln

Der Spätstarter

David Korsten · 05.05.2020

Foto: David Korsten

Foto: David Korsten

Winfried Schmidt fing mit dem Leistungssport in einem Alter an, in dem andere aufhören. Was treibt ihn zu immer neuen Höchstleistungen?

Auch an diesem grauen, wolkenverhangenen Morgen in Flittard hat Winfried Schmidt seinen täglichen Trainingslauf schon absolviert. Der 71-Jährige deutet auf einen Stuhl am Esstisch im hell eingerichteten Wohnzimmer. „Dort trinke ich als Allererstes meinen Kaffee“, sagt er. Er zieht ein Bein seiner grauen Hose hoch, streicht sich über die Haut. Am Knie fällt eine Narbe auf. Von einer Operation? „Nein, da bin ich als Kind mit dem Fahrrad gestürzt.“ Momentan mache eine Sehne an Oberschenkel und Knie etwas Probleme.

Die 8 bis 10 Kilometer jeden Morgen läuft er meist allein. Damit halte er sich aber nur fit, sagt er. Zweimal die Woche gehe er zusätzlich noch zum Krafttraining. Dass er immer noch gut trainiert ist, sieht man dem schlanken Mann an. Von einem Bauchansatz ist durch sein hellgraues Hemd nichts zu sehen –65 Kilogramm wiegt Schmidt bei 1,72 Meter Körpergröße. „Voll austrainiert noch zwei Kilogramm weniger“, sagt er.

Laufen als Hygienemaßnahme

Ist es Eitelkeit, die ihn antreibt? Immerhin bezeichnete er sich in einem Interview mal als „eitlen Perfektionisten“. „Das trifft es ganz gut“, findet er, denkt kurz nach und fügt hinzu: „Aber es geht nicht um die Anerkennung von außen, es ist eine Eitelkeit mir selbst gegenüber. Ich laufe nur für mich.“ Das Laufen bezeichnet er als „ästhetische Hygienemaßnahme, wie das Zähneputzen. Da denken Sie auch nicht drüber nach.“ Ein weiterer Grund für sein hartnäckiges Training: „Ich kann alles essen, muss auf nichts achten“, sagt Schmidt lapidar.

Im Arbeits- und Gästezimmer des Einfamilienhauses bewahrt er in vielen Aktenordnern fein säuberlich Urkunden und Informationen zu seinen Läufen auf, gründlich führt er Listen über seine Bestleistungen in den verschiedenen Disziplinen, auch Fotos von Trainingslagern mit seinen Vereinskameraden sind dabei. Einer der Ordner enthält medizinische Gutachten. Schmidt erzählt von einer geringfügigen Aorteninsuffizienz am Herzen, die bei einer kardiologischen Untersuchung festgestellt worden sei. Er lacht dabei, als seien Mängel an seinem gestählten Körper völlig abwegig. Der Kardiologe riet ihm vom Laufen mit Leistungscharakter ab. „Natürlich tun die das“, sagt Schmidt und klingt unbeeindruckt.


2018 startete Schmidt bei den Deutschen Straßenlaufmeisterschaften in Bremen – und gewann den M70-Halbmarathon.
Foto: Jörg Valentin

Vom Ausdauerberuf zum Ausdauersport

Körperliche Belastungen kennt Schmidt nicht erst vom Laufen. 1980 übernahm der gelernte Bäcker und studierte Ernährungswissenschaftler den Bäckereibetrieb seiner Eltern. „Eine knochenharte Arbeit“, sagt Schmidt. „Man bewegt da Zentner und Tonnen durch die Gegend. Und das ich als Hänfling!“ Es habe da „Kerle wie Baumstämme“ gegeben. „Aber ich habe die Teige und Geräte eben nicht zwei-, dreimal, sondern hundertmal am Tag geschleppt.“ Ein Ausdauerberuf also? „Definitiv. Zwanzig Jahre lang habe ich im Grunde nur gearbeitet und geschlafen.“

Bis er zum Laufen kam. „Ich wurde beim Kicken auf der Wiese entdeckt“, sagt Schmidt und lacht. Der Mann einer Angestellten war Funktionär beim „Turn- und Sportverein Köln rechtsrheinisch 1874“ (TuS Köln rrh.), er sah Schmidt beim Fußballspielen und lud ihn zum Training ein. Dort lief Schmidt die 3.000 Meter auf Anhieb in 10 Minuten, 36 Sekunden, nach einem Monat Training schon eine Minute schneller. 1998 war das und Schmidt schon 49 Jahre alt, als er nicht nur seine Naturbegabung, sondern auch seinen Ehrgeiz entdeckte.

Auf Trophäenjagd

„Rekorde sind das Ziel“, sagt er knapp. 75 Titel hält er insgesamt und 13 Rekorde bis heute, darunter fünf deutsche Rekorde bei den Männern ab 65 Jahren (M65) über 1.500, 3.000, 5.000 und 10.000 Meter auf der Bahn sowie über 10 Kilometer auf der Straße. Bei den Wettkämpfen treten Männer und Frauen gestaffelt nach Geburtsjahrgang an, fünf Jahrgänge laufen in einer Klasse. „Für einen Rekord muss alles stimmen“, sagt Winfried Schmidt und meint damit mehr als Trainingsvorbereitung und Tagesform. „Es braucht auch starke Konkurrenz.“

Seine Lieblingstrophäen bewahrt er im Weinkeller zwischen edlen Flaschen auf. Er trinke aber nur selten und wenig. Dann präsentiert er seine Schuhe, 13 Paare für Training und Wettkampf. „Man sieht genau, wie ich laufe: nur hier vorne“, sagt Schmidt und deutet auf die Sohle. Vom „Theater“ ums Material mancher Sportler halte er nichts.

Die Familie hat inzwischen Vorrang

Früher kam seine Frau Renate zu den meisten Wettkämpfen mit, inzwischen nur noch, wenn die Stadt den Besuch lohne. Die Rennen seien nicht mehr das Allerwichtigste, sagt er, zumal er durchaus merke, dass sein Körper nicht mehr die Höchstleistungen vergangener Tage hergebe. Priorität habe inzwischen die Familie, mit Tochter, Schwiegersohn und den drei Enkelkindern gehe es regelmäßig nach Kärnten oder Fehmarn. Wenn er dort im Juli Urlaub macht, wird im sächsischen Zittau die Deutsche Seniorenmeisterschaft ausgetragen. Da meldet sich der Sportler im Familienmenschen Schmidt noch einmal zu Wort: „Reizen würde mich das aber schon“, so der Spätstarter.

Traditionelles Seniorensportfest des TuS Köln rechtsrheinisch

Samstag, 27.06., 11–17 Uhr, im Sportpark Höhenberg.
Es treten Seniorinnen und Senioren bis 95 Jahre nach Altersgruppen an. Disziplinen: verschiedene Läufe, Weitsprung, Kugelstoßen, Diskus- und Speerwurf.
www.tuskoeln.de

Laufevents finden Sie auf dieser Webseite: www.dlv-laufkalender.online

Bitte informieren Sie sich, ob die Veranstaltung tatsächlich stattfindet.

Das könnte Sie auch interessieren

Ehrenamtlich im Sportverein: Immer auf der Gewinnerseite
Fit bleiben im Alter: Ich bin mal grad beim Fitness

 

Tags: Leistungssport , Seniorensport

Kategorien: Leben in Köln